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35 Jahre danach: Ein Blick auf die Schattenseite und ein Aufruf zum Erinnern

Neulich bei der Innenarbeit bin ich beim Nachsinnen über das Thema Geld über eine dicke Wurzel meiner Geldablehnung gestolpert…

1990 habe ich als 16jährige die Wiedervereinigung in Ostberlin erlebt (bin in der renitenten Kirchenbewegung aufgewachsen). Die D-Mark habe ich als „Geld von Räubern und Verbrechern“ abgespeichert, ich wollte damit möglichst wenig Kontakt haben. Der Euro hat die Sache nicht besser gemacht, nur tiefer verbuddelt.

Die 1989er Kerzenspaziergänge waren anfangs sehr zaghaft, wurden aber groß und größer. Der Demoruf „Wir sind das Volk“ zeigte ein erwachendes Selbstbewusstsein der Leute…. Der 1. November 1989, der Vorbeimarsch an der Volkskammer mit „Schämt euch, schämt euch!“-Rufen, über 1 Mio auf dem Alexanderplatz; Stasi-Leute und das Westfernsehen auf den umliegenden Hochhausdächern…. Es war eine wilde Zeit, die Erneuerung, die Umwandlung der DDR an ihren Idealen schien möglich und greifbar…

Deutsche Einheit zwischen Erinnerung und Realität

Ab Dezember ´89 schwappte aus Leipzig dann der „neue“ Demoruf herüber: „Wir sind EIN Volk“. Damit kippte die ganze revolutionäre Stimmung aus dem Neuererwillen in Richtung Wiedervereinigung. Die Leute entschieden sich für Jacobs-Kaffe und Du-Darfst-Wurst. Im März ´90 gab es eine Volkskammerwahl, dort siegte die CDU mit ihrem Wahlbündnis Allianz für Deutschland. Die machten die Angliederung der DDR klar. Währungsunion schon am 1.7.1990, Katze im Sack am 3.10.´90.

Volksabstimmungen gab es nicht, weder bei euch in der BRD, noch bei uns.

Die erste gemeinsame Bundestagswahl gab es erst im Dezember ´90. Euch Wessis hat überhaupt niemand danach gefragt, was ihr von der Wiedervereinigung haltet. Ganz Westdeutschland war dazu aufgerufen, sich an der Bereicherung bei der „Deutschen Osterweiterung“ zu beteiligen und ansonsten die Klappe zu halten.

Der Ausverkauf des Ostens war katastrophal. Die Treuhand verkaufte ganze Betriebe für 1 DM an westdeutsche Investoren. Die strichen Millionen von Fördergeldern ein und verschwanden oft genug mit Koffern voller Geld auf Nimmerwiedersehen (siehe ROMONTA Montanwachs im Mansfelder Land). Oder sie warfen die Hälfte der Belegschaft raus, wurstelten noch paar Jahre rum und verlegten die Produktion paar Jahre später nach Polen.

1990 bis ´93 war echt ein krasser Abstieg im Osten. Mit der Währungsunion im Sommer ´90 verschwanden übers Wochenende 90 % aller Ostprodukte aus den Regalen, ein Absatzmarkt brach zusammen. Arbeitslosigkeit hieß Kurzarbeit Null und die übliche Begrüßungsformel unter Erwachsenen lautete damals:

„Und, haste noch Arbeit?“

Unser familiärer Freundeskreis an Künstlern und Dissidenten verloren alle Achtung und Anerkennung aus DDR-Zeiten. Mein Berliner Onkel wurde schwer depressiv und nahm sich 10 Jahre nach der Wende das Leben. Es verging eine Woche, bevor er in seiner Wohnung gefunden wurde. Ich habe mit Beginn meiner ersten Ausbildung angefangen, meine Mutter finanziell zu unterstützen, aber ihren sozialen Abstieg konnte ich nicht verhindern. Zeitweise hat sie richtige schlechte Stellen angenommen, um sich über Wasser zu halten. Arbeitslosengeld kam für sie nicht in Frage.

Aufarbeitung der jüngeren Geschichte

Vor 2 Jahren hab ich mir einen Vortrag angehört über diese Wende. Gehalten von einem ehemaligen Mitarbeiter des Außenhandelsministeriums der DDR. Er erzählte, dass Anfang 1990, als er aus den Weihnachtsferien kam, er bereits die Order erhielt, alle Verträge bis 30.6. abzuwickeln. Der Termin der Währungsunion stand bereits fest. Er berichtete, dass Gorbatschow die DDR bereits ca 1986 loswerden wollte, Honecker hatte sich aber gesperrt.

Gorbatschow wollte die DDR nicht aktiv „abgeben“, aber er hatte spätestens ab Mitte der 1980er-Jahre keine strategische oder wirtschaftliche Motivation mehr, sie um jeden Preis zu halten. Für ihn stand die Stabilisierung der Sowjetunion im Vordergrund, nicht die Rettung der DDR.

Unsere ganze sogenannte „Stille Revolution“ war absehbar. Vielleicht sogar eine vorbereite Übernahme.
Wir wollten nicht, dass unsere Betriebe verramscht, unsere Biografien entwertet und ganze Regionen in Arbeitslosigkeit gestürzt werden. Wir wollten nicht, dass unsere Hoffnung auf ein besseres System von einem System der Marktlogik überrollt wird. Was wir bekamen, war eine Einheit, die wie eine Übernahme wirkte – und in der wir viele Federn ließen.

Das Kollektivtrauma der Wiedervereinigung ist in den meisten Gesprächskreisen ein Tabu, egal wo in Deutschland.

Quellen:
* https://www.derfunke.de/rubriken/geschichte/ddr/2559-30-jahre-mauerfall-teil-ii?

https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/geschichte-der-ddr-312/48560/auf-dem-weg-in-den-zusammenbruch-1982-bis-1990/

Ein Aufruf an alle Leser und Hörer: 

Wir möchten Zeitzeugen der Wendezeit und Nachwendezeit für unser Podcast-Podium gewinnen!

Gesucht sind Menschen, die zwischen 1989 und 1995 in ihrem Alltag den Umbruch miterlebt haben – ob als Handwerker, Ärzte, Arbeiter, Azubi oder Studierende.

Uns interessiert, wie ihr diesen historischen Moment erlebt habt:

    • Welche Hoffnungen hattet ihr?

    • Welche Ängste habt ihr gespürt?

    • Wie hat sich euer Leben konkret verändert?

Keine Sorge: Es gibt keine Videoaufnahmen.
Ihr könnt ganz entspannt nur vor dem Mikrofon sprechen – auf Wunsch auch anonym oder nur mit Vornamen.

Kontaktaufnahme: info@friedensatelier-halle.de