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Der Duden irrt: Warum Anglizismen keine sprachliche Weiterentwicklung sind

Zunächst ein Hinweis in eigener Sache:
Wir durften Nancy Mandody persönlich kennenlernen. Sie inspiriert uns nun seit rund 12 Monaten und bestärkt uns in unserem bewussten Umgang mit der eigenen Muttersprache.

Helena und Nancy haben sich bereits über alte Volkslieder und viele weitere Themen ausgetauscht. Demnächst setzen sich die beiden noch einmal zusammen, um tiefgründiger über die deutsche Sprache zu philosophieren. Hier ist das erste kurze Gespräch:

Es gibt Momente, in denen der Lärm der Welt leise wird und Raum für das Wesentliche entsteht. Das vergangene „Geistreich am Teich 2026“ war für uns im FriedensAtelier genau so ein Moment. Zwischen ehrlichen Gesprächen, dem stillen Wasser und der klaren Präsenz der Menschen vor Ort, wurde uns eine Wahrheit wieder schonungslos bewusst: Wir müssen unsere Wurzeln pflegen. Und die stärkste, tiefste Wurzel, die wir besitzen, ist unsere Sprache..

Wenn man in einer Umgebung ist, in der Worte noch Gewicht haben, in der Gedanken präzise und mit Bedacht formuliert werden, spürt man die immense Kraft der deutschen Dichterkunst. Unsere Sprache ist kein bloßes Gebrauchsgut. Sie ist ein hochkomplexes, feingeistiges Instrument, das es uns ermöglicht, in Nuancen zu denken, zu fühlen und die Welt zu begreifen. Wer Goethe, Schiller oder auch nur die verborgene Lyrik des Alltags verstanden hat, weiß: Sprache formt das Bewusstsein.

Doch wenn man aus dieser Atmosphäre der geistigen Klarheit zurück in den Alltag kehrt, trifft einen der Kontrast wie ein Schlag ins Gesicht. Was uns heute in den Mainstream-Medien als sprachliche „Weiterentwicklung“ verkauft wird, ist in Wahrheit eine schleichende Kapitulation.

Sprachlicher Dünnschiss wird nicht zu Gold, nur weil der Duden ihn druckt.

Aktuell ist man Zeuge einer sprachlichen Entwurzelung, die fälschlicherweise als moderne „Weiterentwicklung“ verkauft wird. Wenn das Nachschlagewerk unserer Nation, der Duden, jeden noch so flachen Anglizismus und jede modische Worthülse fast schon panisch in seine Seiten aufnimmt, ist das kein kultureller Fortschritt. Es ist die schlichte Kapitulation vor einem flüchtigen Zeitgeist.

Man muss sich nur zehn Minuten die Tagesschau ansehen, um zu spüren, was aus unserer Sprache gemacht wurde. Es ist eine klinisch tote, sterile Verwaltungssprache. Ein aseptisches Plastikdeutsch, das penibel darauf trainiert ist, ja keine echten Emotionen oder tiefen Gedanken zu wecken.

Das Traurige daran: Wenn diese Institutionen dann doch einmal merken, dass sie die Menschen – und vor allem die junge Generation – in ihrer sterilen Blase nicht mehr erreichen, wird es richtig schmerzhaft. Dann erleben wir den verzweifelten, peinlichen Versuch, gekünsteltes „Jugendsprech“ in die Berichterstattung zu quetschen. Das wirkt nicht authentisch oder nahbar, sondern schlichtweg absurd – wie ein grauer Bürokrat, der sich ein Skateboard unter den Arm klemmt, um plötzlich cool zu wirken.

Wenn dieser Anbiederungsversuch scheitert, flüchtet man sich in das andere Extrem: die „vereinfachte Sprache“. Plötzlich werden komplexe, gesellschaftliche Zusammenhänge so extrem heruntergedummt, dass erwachsene, mündige Bürger angesprochen werden wie Kleinkinder im Vorschulalter. Beides ist eine Bankrotterklärung des Geistes. Es zeigt überdeutlich: Das mediale Establishment hat völlig verlernt, auf Augenhöhe, tiefgründig und mit der wahren Kraft unserer Muttersprache zu kommunizieren.

Sprache formt das Denken: Die Architektur unseres Geistes

Hast du dich schon einmal gefragt, warum dir manchmal die Worte fehlen, um ein ganz bestimmtes, flüchtiges Gefühl zu beschreiben? Genau hier beginnt die Magie – oder eben die Tragik. Unsere Sprache ist kein reines Transportmittel für Informationen, das wir beliebig austauschen können. Sie ist das Werkzeug, mit dem wir unsere Gedanken überhaupt erst formen und unsere Realität greifen.

Stell dir deinen Verstand wie einen Architekten vor:

  • Die Plastik-Bausteine: Gibst du ihm nur die genormten, blutleeren Vokabeln der Nachrichtensender, baut er dir eine sterile, graue Gedanken-Zelle.

  • Das massive Fundament: Gibst du ihm hingegen den vollen, gewaltigen Wortschatz unserer Muttersprache, entwirft er Räume voller Tiefe und Weite.

Wenn ein Wort stirbt, stirbt unweigerlich auch die Nuance des Denkens, die es beschrieben hat. Wer die Sprache verflacht, mauert den eigenen Horizont ein.

Dabei bedeutet dieser „Mut zur Dichterkunst“ keineswegs, dass wir ab morgen nur noch wie Goethe oder Schiller durch unseren Alltag wandeln müssen. Es geht um das pure, ungeschönte Leben. Schauen wir uns moderne Roman-Autoren wie Clemens Meyer an. Er macht etwas zutiefst Faszinierendes: Er pfeift auf das glattgebügelte, sterile Hochdeutsch der elitären Feuilletons und gießt den rauen, ostdeutschen Sprachjargon direkt in seine Literatur. Er fängt den unpolierten Klang der Straße, der Nächte und unserer regionalen Wurzeln ein – und hält sie damit lebendig.

Meyer zeigt uns auf raue, aber charmante Weise: Authentischer Dialekt und regionaler Jargon sind keine sprachlichen Defizite, die man wegkorrigieren muss. Sie sind gelebte Identität. Sie geben unserem Denken eine Heimat, eine Erdung und eine unverkennbare Seele. Wer so schreibt und spricht, beweist wahren Mut zur Sprache. Er beugt sich nicht dem Konformismus, sondern trägt die eigenen Wurzeln mit Stolz nach außen.

Aber warum erwähne ich an dieser Stelle ausgerechnet Clemens Meyer? 

Ganz einfach: aus Recherchegründen. Ursprünglich hatten wir ihn für diesen Herbst als Gast im „STUDIO Friedensfunk“ angedacht – speziell für unser diesjähriges Wende-Trauma-Format. Darin wollen wir nicht einfach nur die alte Treuhand-Kamelle aufwärmen, sondern viel tiefer in die Psychologie der Nachwendezeit blicken.

Leider fehlt dem Autor die Zeit, sodass wir im Studio ohne ihn auskommen müssen. Dafür lesen wir aktuell weitere seiner Bücher, in denen er die vielschichtige ostdeutsche Identität in den unterschiedlichsten Szenarien meisterhaft widerspiegelt. Demnächst mehr bei RADIO Friedensfunk“

Sprach als Baukasten-System

Lego für den Verstand

Wenn wir uns die Architektur der deutschen Sprache genau ansehen, entdecken wir ihre wahre Superkraft: Sie ist das faszinierendste Klemmbaustein-System der Welt – quasi Lego für den menschlichen Geist. Wenn uns im Deutschen ein Begriff für eine völlig neue, komplexe Situation oder ein tiefes Gefühl fehlt, müssen wir nicht verzweifelt ins Englische schielen und uns flache, vorgefertigte Fremdwörter importieren. Wir machen etwas viel Besseres: Wir bauen uns das passende Wort einfach selbst.

Durch unsere einzigartige Fähigkeit, Hauptwörter nahtlos aneinanderzuklicken, erschaffen wir absolute Präzisionswerkzeuge des Denkens. Begriffe wie Weltschmerz, Fremdschämen, Torschlusspanik oder Empörungserschöpfung fassen ganze philosophische Zustände in einem einzigen, massiven Block zusammen. Dieses System gibt uns die absolute Freiheit. Wenn du eine noch nie dagewesene Nuance des Lebens beschreiben willst, nimmst du einfach zwei bekannte Steine und drückst sie zusammen, bis es „Klick“ macht.

Wer also ernsthaft behauptet, wir bräuchten Anglizismen, um uns „moderner“ oder „präziser“ auszudrücken, hat das Potenzial dieses Baukastens nie wirklich verstanden. Wer freiwillig zum englischen Buzzword greift, kauft sich ein billiges, vorgefertigtes Plastikteil aus Übersee, anstatt die Architektur seiner Gedanken als echter Macher selbst in die Hand zu nehmen.

Witziges Beispiel  für Schattenfugenrahmen 😁

Unsere Sprache ist unsere geistige Heimat

Die deutsche Sprache ist weit mehr als nur ein reines Kommunikationsmittel. Sie ist unsere geistige Heimat, das Fundament unserer Kultur und das präziseste Werkzeug, das wir besitzen, um tiefgründig zu denken. Wer dieses Werkzeug freiwillig abgibt – ob aus Bequemlichkeit, dem Wunsch nach falsch verstandener Modernität oder durch die unkritische Übernahme von sterilem Plastikdeutsch –, der beraubt sich am Ende selbst. Er verliert die Nuancen, die Kanten und die echte, ungeschönte Identität.

 Ob durch die Inspiration beim „Geistreich am Teich“, Nancy Mandody, durch die raue Poesie eines Clemens Meyer oder durch das bewusste Pflegen unserer eigenen Dichterkunst: Es ist an der Zeit, dass wir aufhören, uns für unsere Wurzeln zu entschuldigen.

Lasst uns wieder anfangen, mit Bedacht zu sprechen, zu schreiben und zu denken.

Jetzt seid ihr gefragt: Wir wollen die Kommentarspalte heute als kleine Schatztruhe für die deutsche Sprache nutzen. Welches alte, tiefgründige, regionale oder auch raue deutsche Wort nutzt ihr am liebsten – ein Wort, das im heutigen „Tagesschau-Sprech“ längst keinen Platz mehr findet? 

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