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Die Illusion der Stellvertreter

Die Wochen vor der Landtagswahl sind vergleichbar
mit der Zeit einer Fußballweltmeisterschaft – man kann sich
diesem wochenlangen Feuerwerk im Demokratietheater einfach nicht entziehen.

Auf tausenden Wahlplakaten versuchen verlorene Seelen sich ein gewinnbringendes Lächeln abzuringen; die Sprüche sind weder markig, noch witzig, noch überzeugend oder gar informativ.
Darum geht´s auch gar nicht.

Die zukünftigen Machthaber machen uns vertraut mit ihrem Anblick.

Horden von jungdynamischen Demokratierettern ziehen um die Häuser wie die Zeugen Jehovas, um den Leuten zu erklären, wie sie ihr Kreuz „an der richtigen Stelle“ machen, um „Schlimmstes“ zu verhindern.


Wenn ich ehrlich bin, es ist deutlich anstrengender als beim Fußball. Bei einer Weltmeisterschaft kann ich sagen:
„Es interessiert mich nicht. Ich bin für kein Team.“
Dann werde ich in Ruhe gelassen.
Aber beim Thema Wahlen?
Da muss ich als bekennender Nicht-mehr-Wähler gut vorbereitet sein, sonst gerate ich umgehend in Erklärnot und werde zum Antidemokraten, Untergangsverantwortlichen, Gefährlich-Dummen und General-Spielverderber abgestempelt.
Die Ansage: „Ich mach da nicht mehr mit“ löst gern einen Redeschwall aus bei den Jungdynamischen.
Es ist beschämend, aber ich weiche diesen Agitatorentrupps aus. Ich leugne sogar mein Zuhause und gehe noch eine Runde um den Block, wenn ich die „Buntgefärbten“ beim Heimkommen wieder vor unserer Haustür sehe….

Der Erklärungsnotstand

In meinem Freundeskreis der Friedensbewegten ernte ich für meine Wahlverweigerung oft betretenes, enttäuschtes Schweigen.
Sie sagen dann: „Nichtwählen hilft ja nun auch nicht weiter.“

Und sie haben ja Recht.

Nichtwählen alleine ist eben auch keine Lösung.

Die Fraktion der Nichtwähler ist jedes Mal stabil 30 bis
40 Prozent groß und damit eine sehr große und anscheinend
die machtloseste Fraktion.

Oder etwa nicht?

Beispiel Sachsen-Anhalt 2021: Hier lag die Beteiligung bei nur 60,3 %. Die Gruppe der Nichtwähler war mit 39,7 % die mit Abstand stärkste Kraft im Land. Zum Vergleich: Die stärkste Partei holte 37,1 % der abgegebenen Stimmen, was bezogen auf alle Wahlberechtigten nur gut einem Fünftel der Bevölkerung entspricht.
QUELLE

 

Sind die Wahlverweigerer nicht eigentlich diejenigen, die ihre Stimme NICHT abgegeben haben; die ihre Macht und Verantwortung NICHT an Stellvertreter weiterreichen?

Wer nicht zur Wahl geht, erspart sich die Aufregung hinterher,
dass er an der Nase herumgeführt wurde.

Wer nicht zur Wahl geht, versucht, seine Hände in Unschuld zu waschen und erspart sich – wenigstens moralisch – die Verantwortungsübernahme für das Handeln der aktuellen Regierung. Die Rechnungen für das, was hier politisch läuft,
zahlen wir eh als Stimmvieh gemeinsam.

Durch Wahlen wird die Verantwortung für jede Regierungsarbeit konsequent ans Volk abgetreten.

Durch die Veranstaltung der „Wahlfestspiele“ erarbeitet sich jede Regierung ihre Legitimation durch das Volk. Solange mehr als die Hälfte der Bevölkerung mitspielt, scheint die Legitimation „Unserer Demokratie“ gesichert. Läuft.
Anscheinend ist es das Wichtigste, die Leute im Spiel zu halten.
Mittels aufstrebender und abstürzender Parteien und knapper Wahlergebnisse werden wir bei der Stange gehalten; was diesmal nicht gelingt, gelingt doch sicher bei der nächsten Wahl etc pp

Die gezählten Wahlergebnisse ergeben ein Stimmungsbild der Bevölkerung; sie zeigen außerdem, inwieweit die mediale Steuerung der Bevölkerung funktioniert.
Die veröffentlichten Wahlergebnisse sorgen dafür, dass im Lande nichts aus dem Ruder läuft.

Wer nicht zur Wahl geht, entzieht sich diesem Stimmungsbild. Er lässt sich nicht in die Karten schauen und wird damit zur schlecht einschätzbaren Unbekannten in der Gleichung des Demokratietheaters.

Im amtlichen Wahlergebnis taucht nichts über das Stimmungsbild unter Nichtwählern auf: Ist es Ohnmacht oder ist es Selbstermächtigung, die die Leute von der Urne fern hält?

Über den Nichtwähler grassieren wilde Gerüchte.
Er ist ein unsichtbarer Mitspieler.

Wer nicht zur Wahl geht, zeigt damit der Regierungsebene, dass er Gefahr läuft, darüber nachzudenken, den Spielball der Macht in die eigenen Hände zu nehmen. Er denkt vielleicht über andere Wege nach, mit der Politik in Kontakt zu gehen oder sich politisch
zu beteiligen.
An dieser Stelle wird klarer, welch großes Gefahrenpotenzial im Nichtwähler steckt. Und nichtzuletzt ahne ich nun, warum der Nichtwähler so gerne zum Sündenbock gemacht wird – um ihn klein und ohnmächtig zu halten, wie die Wählerschar.

Wer den Gang zur Urne verweigert, entzieht sich dem System und er entzieht dem System seine Energie.
Wer seine Stimme, Macht und Energie bei sich behält, hat schlichtweg mehr von seinem Leben.

Warum echte Lösungen im
direkten Kontakt liegen

Der Spielball der Macht

Ein Ball ist hoch aus dem Spielfeld geflogen, und im Vordergrund fängt ein Zuschauer den Ball. Die große Frage bleibt: Wird der Zuschauer den Ball mitnehmen und das Spiel beenden?

Doch Wahlverweigerung alleine reicht eben nicht.

Es gilt, als Nichtwähler sichtbar zu werden, denn Stellvertreter gibt es nicht.

Wer Gesellschaft gestalten möchte, darf selbst wirksam werden
und eigenverantwortlich handeln.
Im eigenen Leben.
Im eigenen Team.


Ein großes Potential von Demokratie liegt in der Ermöglichung von gesellschaftlichem Frieden.
Und ein friedliches Umfeld ermöglicht Kontakt.
Den Kontakt herzustellen, bleibt unsere menschliche Aufgabe. Das nimmt uns keine Politik ab.
Im direkten zwischenmenschlichen und widerstandslosen Kontakt finden sich Lösungen wie von selbst.
Ich hab es erlebt.

Das ganze Trallala der Landtagswahl braucht kein Mensch.
Wir brauchen echte Lösungen für echte Probleme. 
Parteien sind nicht die Lösung.
Mit diesem Parteiensystem werden wir keinen Blumenstrauß gewinnen, das geht seit 200 Jahren schon schief.

Der Debatten-Raum

"Was man ohne Stellvertreter tun kann? Hier sind paar Ideen..."

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