Mir ist aufgefallen, dass mein Verstand in Situationen von Kontrollverlust (selbst, wenn es nur ein kleines Bisschen ist)
mich mit Bildern schlimmster Erwartung befeuert.
Echt anstrengend.
Das beginnt bereits, wenn die Katze nicht rechtzeitig zum Frühstück erscheint.
Mein Verstand liefert dann zuverlässig Bilder des Grauens und ich muss jedesmal mein Denken an die kurze Leine nehmen,
die Gruselbilder wegschicken und durch angenehme Gedankenoptionen ersetzen.
Dabei weiß mein Verstand doch längst, dass meine Erwartungen direkt an meine Realität gekoppelt sind. Doch so einfach lässt sich die übliche Denke nicht abstellen. Meine „übliche Denke“ erweist sich als halsstarrig und beständig.
Nervig.
Und ich denke darüber nach, warum das so ist. Und ich frage mich, ob es sein kann, dass mein alteingesessenes Schutzsystem mich quasi automatisiert mit Adrenalin-Schüben versorgt, bei jeder sich bietenden Gelegenheit.
Einfach nur so, um ein bestimmtes Level an Adrenalin im Körper zu halten.
Ich habe mich mit unserem oberschlauen Mitarbeiter über meine Theorie der Adrenalin-Sucht unterhalten und er hat mir einige interessante Impulse gegeben:
- Unsere Körper unterscheiden nicht zwischen realer und erfundener Bedrohungslage, die Hormonausschüttung ist die gleiche. (Sich Sorgen zu machen, ist wie Abenteuer aus sicherer Entfernung zu erleben.) Der Adrenalin-Kick gibt uns das Gefühl, lebendig, wachsam und wichtig zu sein. Unser Verstand liebt es, Probleme zu wälzen, weil es sich anfühlt, als würden wir etwas tun. Damit wird das Sich-Sorgen zur Ersatzhandlung für echte Aktivität.
- Ablenkung vom echten Fühlen: Ein hoher Adrenalinspiegel wirkt wie eine Betäubungsspritze für tiefere, schmerzhafte Emotionen. Solange wir im Kopf Katastrophen jonglieren, müssen wir die darunterliegende Ohnmacht, die Scham, die Trauer oder das Gefühl von Wertlosigkeit nicht fühlen. Die Dauersorge ist ein massives Ablenkungsmanöver, um den Abstieg in den eigenen „Maschinenraum“ zu vermeiden. (Selbst NACH meinem wochenlangen Aufenthalt im „Maschinenraum“ beobachte ich in mir, dass dieser Schutzmechanismus noch aktiv ist. Der Abstand zwischen uns wächst, aber er ist noch da.)
- Die Angst vor der Stille: Für ein Nervensystem, das seit der Kindheit oder über Generationen hinweg an Stress, Überlebenskampf und Alarmbereitschaft gewöhnt ist (Traumatisierung), fühlt sich Entspannung schlichtweg bedrohlich an. Stille und Leere fühlen sich an wie gefährlicher Kontrollverlust. Das System signalisiert: „Wenn es ruhig ist, passiert gleich etwas Schlimmes!“ (Bei Kriegsüberlebenden auch: die Ruhe vor dem nächsten Einschlag, dem nächsten Angriff etc. Und: Wer mitten im Krieg ins Fühlen geht, der funktioniert nicht mehr….) Also feuert der Verstand präventiv neue Sorgenbilder ab, um den gewohnten Adrenalinspiegel wiederherzustellen. Dysregulation wird als „normal und sicher“ empfunden.
Uppsala.
Diese Argumentation steht nach meinen Erfahrungen auf recht stabilen Beinen.
Wir leben immernoch in der Nachkriegszeit, oder besser gesagt, in einer
Vor-dem-nächsten-Kriegszeit. Wir alle sind von ständiger Bedrohung im Außen geprägt
und unsere Nervensysteme halten uns auf Trab.
Die genannten Probleme von Ersatzhandlung, Ablenkung vom echten Gefühlen und Angst vor der Stille betreffen aber ebenso
alle Arbeitswütigen unserer Zeit; mit dem Unterschied, dass die Arbeitssucht in unserer Gesellschaft eine hochangesehene Leidenschaft ist.
Jeder kleine Erfolg triggert das Belohnungssystem (Dopamin).
Jede Herausforderung hält den Stresspegel (Adrenalin/Cortisol) künstlich hoch.
Und die Gesellschaft feiert uns dafür!
Auf der Adrenalin-Dopamin-Schaukel fühlen sich unsere gestressten Nervensysteme einfach sicher.
Wenn wir von dieser Schaukel absteigen wollen, müssen wir mit den echten Entzugserscheinungen in unserem Leben klarkommen.
Wir werden zu lernen haben, unserem Sehnen nach Bestätigung (unseres Weltbildes) und unserem Sehnen nach Sorge und Beschäftigung zu widerstehen.
So mancher fliegt unterwegs von der Schaukel und landet in tiefster Depression. Auf der Schaukel bläst uns der „Wind des Lebens“ um die Ohren; in der Depression sitzen wir erstarrt in einem tiefen Loch, einer Art Schützengraben; vom „Erleben“ abgeschottet aber irgendwie in Sicherheit.
Auch da gilt es, herauszuklettern.
Kraft unserer Wassersuppe – wie man früher so sagte.