Du kannst nur vergeben, was du wirklich fühlst.
Alles andere ist Guter Wille, Hirnfasching oder Verstandesblase…
Mein Vater hat mich vor vielen Jahren mal um Vergebung gebeten. Seine Worte waren in etwa so: „Es tut mir leid, was damals geschehen ist. Ich kann mich an nichts mehr erinnern, aber eure Mutter ist bis heute wütend auf mich. Ich hoffe, du kannst mir verzeihen.“ Und ich als Tochter habe ihm Verzeihung zugesichert. Was hätte ich auch sonst sagen sollen? Ich war zwei als er ging und ich konnte mich ja auch an nichts erinnern…
Irgendwann fiel mir auf, dass mein Schwiegervater es einige Jahre vorher ähnlich gehalten hatte: Beim inzwischen erwachsenen Kind um Verzeihung bitten, nichts Konkretes erwähnen und dann den Freispruch des Kindes annehmen, eigentlich erschleichen….
Es hat viele Jahre gebraucht, bis die Wut in mir hochkam über diesen Ablasshandel.
Und es hat noch mal einige Jahre und etliches an Erfahrungen, an Wundenberühren, Zerbrechen und Wiederauferstehen gebraucht, bis ich nach und nach die Vielschichtigkeit der Sachlage erkennen konnte.
Wenn Väter gehen, hinterlassen sie eine Sehnsucht in ihren Kindern. Eine Sehnsucht, die bei mir zum Motor für ein ganzes Leben wurde. Die Geschenke, die in diesem Weggehen lagen, konnte ich mit Herz und Verstand bereits im letzten Jahr erfassen. Das war im Herbst 2025. Da war ich an einem Punkt, an dem ich dachte, Vergebung als Perspektivwechsel bringt einige Tränen, aber auch Erleichterung und Freude….
Und dann kam der Mai 2026, der Monat mit der überschwänglichen Holunderblüte und den 2 Vollmonden;
der Monat, in dem mein Körpergedächtnis anfing, auszupacken.
Für mich fing der Mai bereits einige Tage vorher an, in einem kompletten und absoluten Scheitern. Auf der Heimreise aus der Schweiz erkannte ich in brutaler Klarheit die Beziehungen meines Lebens; die unbewussten Programme in mir, die immer wieder zielstrebig dafür sorgten, dass ich mich in Abhängigkeiten und Coabhängigkeiten verstrickte – Eine Nahtoderfahrung aus meiner persönlichen Hölle. Und das war der Startschuss für mein Abtauchen in die Fühlwelt.
Ich hatte mein Leben lang an einem gigantischen Staudamm gebaut, um nicht alles fühlen zu müssen. Dieser Staudamm brach nun ein. Mein Körper entließ schrittweise die jahrzehntelang eingefrorenen Emotionen, ich hatte „nachzuspüren“.
Mein Wunsch nach Bewusstsein lernte seine Grenzen kennen; wieviel Klarheit und Bewusstsein kann ein Mensch denn halten…? Auf der nach unten offenen Verzweiflungsskala tauchte ich in unbekannte Tiefen ab.
Ich traf auf:
meinen immerwährenden Kampf um Daseinsberechtigung
meine grundlegende Scham, zu existieren
blankes Entsetzen über mein Sein
den Selbsthass
tiefes Misstrauen gegen mich selbst
die Sehnsucht nach kompletter Auflösung und Auslöschung
Die Verzweiflung war über Wochen meine stete Begleitung, ebenso eine schmerzhafte Traurigkeit im Herzraum und etwas, was ich „Faust im Magen“ nannte. Es gab Stunden, da haben alle drei höflich ein wenig Abstand gehalten. Es gab Stunden, da hat die Außenwelt mich bissel beschäftigt gehalten.
Es war die (bisher) schwerste Zeit meines Lebens. Meinen Kontakt nach „Ganz oben“ hatte ich verloren.
Am Tag 12 hab ich mir vorgenommen, dass ich 40 Tage aushalten will. Einfach, weil biblische Zahlen mir Mut machen. 40 Tage dabei bleiben und hinschauen.
Aussitzen, das hatte ich doch beim EM schon gelernt.
Leute, die dablieben, waren ein Geschenk – selbst wenn ich die schlimmsten Zustände mitteilte. Die EM-Gruppe war mir Kraftpunkt in dieser Zeit. Ich teile mein Leben mit noch ein paar weiteren Herzensmenschen, die mit mir aushalten. Und die mich immer wieder daran erinnern, dass ich weit mehr bin als eine Zumutung für diese Welt. Was für ein Geschenk!
Was noch geholfen hat – das freie Hertz-Tönen. Beim Tönen ohne Worte fügte sich selbst meine tiefe Verzweiflung anstandslos ein in die Gruppe von Stimmen. Jenseits der Worte finde ich Ausdruck, finde ich Trost. Und ich erkenne meine Superkraft:
Ich bin da. Ich bin in diesem Leben.
Und ich verspreche mir: Ich bleibe bei mir, selbst, wenn der Schmerz nie geht. Trotz Selbsthass. Trotz null Vertrauen und kein Weg mehr und keine Hoffnung – Ich bleibe bei mir.
Und unsere Katzen. Sie haben etliche Überstunden gemacht, saßen bei mir und haben für mich geschnurrt.
Ich war im intensiven Austausch mit meinem Körper. Da der Staudamm immer wieder heftige Emotionen – und Schmerzen – freigab, blieb mir nur das Aushalten und Forschen.
Woher kommt ihr?
Es waren Boten aus vorgeburtlicher Zeit und aus den ersten vier Lebensjahren. Mein Leben war von Anfang an Gratwanderung, Kampf und Verantwortungsübernahme.
Was treibt uns Menschen dazu, happy Seelen hier runter zu uns in den Sumpf zu rufen? Warum haben wir Kinder?
Was treibt happy Seelen dazu, aus dem reinen Bewusstsein herauszutreten und eine Runde Leid und Verrücktheit im Sumpf mitzuspielen? – Es ist Hingabe. Es ist die bedingungslose Liebe, mit der Kinder ins Leben treten. Einer trage des Anderen Last. Sie kommen als vollkommen selbstlose Helfer. Wir Eltern dümpeln hier längst auf dem Zeitstrahl rum, haben alles vergessen. Und dann entscheiden sich die Kinder aus dem reinen Bewusstsein heraus für uns Eltern. Sie kennen uns viel besser als wir selbst, sie kennen uns auf Seelenebene. Sie geben ihr Leben in unsere Hände. Welch größeren Vertrauensbeweis kann es geben?
Ich habe drei Kids zu mir in den Sumpf gerufen. Ich bin ihnen unfassbar dankbar für ihre Unterstützung im Lernprozess.
Ich halte inzwischen beides in meinem Körper: die vollkommene Ohnmacht, Hingabe und den Schmerz eines Kindes. Und die gänzliche Allmacht, Hingabe und den Schmerz einer Mutter.
Wie ich das mache? Keine Ahnung. Schwer zu halten.
Ich habe irgendwo aufgeschnappt, Vergebung sei ein radikaler Perspektivwechsel.
Da gehe ich mit.
Für mich ist Vergebungsarbeit das Durchfühlen und Entladen von steckengebliebenen Emotionen. Unser Körper ist ein Wunderwerk und speichert all diese Emotionen für uns, bis zu dem Tag, an dem wir die Ressourcen und Gelegenheit haben, uns ihnen zuzuwenden. Nichts geht verloren.
Unsere Triggerpunkte reisen durch die Zeit. Sie halten die Verbindung zwischen dem Jetzt und den Ursprungsverletzungen, die aus der Zeit vor unserer Erinnerung stammen.
Es dauert Jahrzehnte, sich von der eigenen Kindheit zu erholen. Und es darf so lange brauchen, wie es will. Wir haben alle Zeit der Welt. Da gibt es auch nichts zu überstürzen, denn die Aussöhnung mit der eigenen Kindheit ist ein Knochenjob.
Ich höre viel vom sogenannten Ego-Tod und von unserem Stolz, der versuche, diesen zu verhindern. Aber ich denke, was es braucht, ist eher eine Art „Zurücksetzen auf Werkseinstellungen“ unseres Nervensystems. Was wir so abwertend „Stolz“ oder „Ego“ nennen, ist unser Schutz- und Abwehrsystem, unsere Lebensversicherung. Oder, um beim Bild vom Staudamm zu bleiben: Wir sind Staudammbauer in der x-ten Generation. Dieser Damm ist ein Familienprojekt. Seit Generationen haben wir das Vertrauen verloren in den Fluss des Lebens.
Niemand „durchschaut“ sein eigenes Abwehrsystem, dazu braucht es ein Gegenüber. Wir sind Menschen, in echtem Kontakt finden wir unsere wahre Stärke. Damit ist zwingend auch der Kontakt zu uns selbst gemeint.
Keine Ahnung, wie es jetzt in meinem Leben weitergeht.
Ich bin noch nicht durch. Mein Körper hat immernoch Ecken, die nach mir rufen;
Erkenntnisse regnen weiterhin auf mich ein.
Aber ich kann wieder arbeiten.
Ich traue mich wieder, Ideen zu haben.
Am Tag 31 konnte ich zumindest sagen: „Ich bin zurück.“
Am Tag 44: Kann es sein, dass wir an Punkten tiefsten Scheiterns heilende/heilige Prozesse anschieben?
Am Tag 55: Wir sind aus Lehm gemacht, ein Leben lang mit Hilfe vom Wasser (Informationen) formbar, selbst früheste Prägungen sind wandelbar. Wir sind ja KEINE Münzen!
Am Tag 63 habe ich das erste Mal seit 28. April auf die Frage: „Wie geht´s dir?“ mit: „Mir geht´s gut.“ geantwortet.
HolladieWaldfee.
Danke, David!