Wer sich auf das Abenteuer Elternschaft einlässt, weiß kaum, was einem alles „blüht“. Die schönen und freudenreichen Momente werden landauf landab gefeiert. Doch über Verzweiflung, Verletzung, Überforderung und Scheitern liegt häufig ein dicker, schwerer (und uralter) Mantel des Schweigens.
Wer kennt es nicht, dieses Erleben, von Kindern ins Land jenseits der eigenen Grenzen, ins Land der Weißglut oder des absoluten Scheiterns gebracht zu werden? Die meisten Eltern schämen sich derart für den erlebten Kontrollverlust, dass sie ihr Leben lang große Mengen an Energie zur Verdrängung aufbringen.
Dabei tragen gerade diese Krisen und unsere Wunden großes Potenzial zu wirklichem Wachstum und Veränderung in sich.
Indem wir mit offenen Augen und offenem Herzen durch Angst und Krisen hindurch gehen, können wir jede Erfahrung in eine fruchtbringende Lernerfahrung wandeln.
Wenn wir Frieden sehen wollen in unserer Welt müssen wir mit uns selbst in den Frieden kommen.
Dabei kommen wir um unsere Herkunftsfamilie nicht herum.
Mutter, Vater und Geschwister sind für so manchen die Endgegner; diejenigen, die uns im Dauerkampf festhalten.
Ich möchte hier eine Lanze brechen für die Eltern, die allesamt blauäugig und vollkommen unvorbereitet in das wildeste, schönste und entsetzlichste Abenteuer ihres Lebens schliddern….
Elterliche Ohnmacht
und elterliche Allmacht
Bei der Geburt wird nicht nur ein Kind geboren, auch Mutter und Vater werden neugeboren.
Auch sie sind Neugeborene. Sie haben vom Elternsein so wenig Ahnung wie die Kinder vom Menschsein.
Man möchte meinen, das alles sei grob fahrlässig eingerichtet – Leute ohne jegliche Erfahrung auf das Wertvollste loszulassen, was die Menschheit hat.
Aber da die Organisation der Familienstruktur in den Händen des Allerhöchsten liegt, wird irgendein Sinn ganz sicher dahinterstecken. Dieser Sache möchte ich auf den Grund gehen.
Ich habe bei Bill Plotkin (Natur und Menschenseele)
eine Perspektive beschrieben gefunden, die ich bis dahin nur vermutet hatte…
S. 338: „Selbst in den gesündesten Familien leidet JEDER unter mindestens einer solchen Kernverletzung. Das könnte…. weder Zufall noch Unglück sein. Manche sagen, dass die Seele selbst die Entstehung der Heiligen Wunde veranlasst hat, um auf diese Weise eine besondere Art der persönlichen Entwicklung auszulösen, die sonst nicht möglich gewesen wäre und die zu ihrer Entwicklung eines Traumas bedarf.“
Dieser Satz hat in mir einen Seufzer der Erleichterung ausgelöst. Elterliche Inkompetenz ist Teil des Plans.
Die Allmacht über das Leben eines Menschen war für mich als junge Mutter jedes Mal nur schwer fassbar und haltbar: Plötzlich war ich für ALLES – für eine ganze Welt – verantwortlich. Kein Rauchen, kein Alkohol, kein Zucker,
nur gute Gedanken, Vitamine und Geburtsvorbereitung.
Mein Körper war monatelang nicht mehr meiner, ich fühlte mich „fremdbesetzt“.
Und nach der Geburt: krasse Verantwortung, krasse Macht und null praktische Erfahrung.
Dann stolpert man halt los als Eltern, so gut es eben geht.
Neugeborene Kinder lieben bedingungslos und absolut. Ihr Verstand ist noch nicht am Ruder. Sie legen ihr Leben in unsere Hände. Was für ein vollkommenes Vertrauen!
Wenn du Pech hast, stirbt dir ein Kind unter den Händen weg. Und du fühlst dich den Rest deines Lebens schuldig dafür…
Wenn du Glück hast, entwickelt sich dein Kind fernab von deinen Erwartungen. Es wird Leid erleben. Und du fühlst dich – wenn du Pech/Glück hast – für den Rest deines Lebens schuldig dafür.
Wie man´s nimmt.
Eltern dürfen im Prozess lernen, die Verantwortung für ihre Kids aus der Hand zu geben.
Kids dürfen lernen, die Eltern aus ihrer Verantwortung zu entlassen.
Erwachsen sein bedeutet, die volle Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.
Für diesen jahrzehntelangen Lernprozess ist die Unterstützung durch Kinder ausgesprochen hilfreich.
Das bedeutet aber auch, dass kaum irgendwelche Eltern die nötige Reife zur Elternschaft vorab haben entwickeln können.
Kinder kommen als vollkommen selbstlose Entwicklungshelfer
zu uns ins Leben.
……..
Man beginnt zu ahnen, welche fatalen Folgen die Aufspaltung der einstigen Großfamilien durch das Industriezeitalter hatte.
Es braucht eben eine starke Sippe, blutsverwandt oder selbstgewählt, um ein stabiles Haltenetz für die Entwicklung der Kinder und Eltern zu bilden.
Und man beginnt zu ahnen, dass frühkindlichen Verletzungen auf ihre Art unvermeidbar sind. Das Mitgefühl mit den eigenen Eltern beginnt üblicherweise erst dann zarte Wurzeln zu bilden, wenn man selbst als Mutter oder Vater die ersten Erfahrungen von Kontrollverlust erlebt.
Alles, was ist, ist gut.
Unsere elterliche Hauptaufgabe ist und bleibt es, zu lernen, uns zwischen den beiden Polen der elterlichen Ohnmacht und der elterlichen Allmacht mit Aufmerksamkeit, Leichtigkeit und Vertrauen zu bewegen. Es ist ein Tanz auf dünnem Eis und mit erschreckender Verantwortlichkeit verbunden.
Aber dieses Wagnis macht Leben nun mal
erst möglich.
Den Frieden wiederherstellen
Frieden – was ist das und wie geht das nun?
Ich habe für mich Folgendes erfahren:
Frieden ist ein geistiger Raum der Heilung, in dem alle naturgemäßen Verletzungen des Lebens sichtbar werden können und Halt finden. Es ist ein Zustand, in dem alle Bewertung aufhört; in dem wir uns erlauben, ausnahmslos alle Emotionen wahrzunehmen – ohne dass darauf eine Reaktion erfolgen muss. Wir geben unseren Emotionen einfach Halt, wir halten das aus.
Gopal sagt, wer lernt auszusprechen: Ich fühle Wut und Hass, der lernt es, diese Gefühle zu integrieren. Wer allen eigenen Gefühlen Ausdruck und Halt geben kann, der braucht nicht länger auszuagieren.
Der braucht keine Feindbilder mehr und auch sonst keine externen Stellvertreter.
Wir alle lernen in den ersten Lebensjahren, bestimmte Emotionen nicht mehr wahrzunehmen; wir verdrängen sie, überlagern sie, spalten sie ab. In diesem „Überlebenskampf“ verlieren wir weite Teile des Kontaktes zu uns selbst und damit auch die Kontaktfähigkeit generell. Wir können mit unserem Gegenüber nur noch durch sowas wie Sehschlitze in einer fetten Rüstung Kontakt aufnehmen. Da können durchaus auch sehr schöne Erfahrungen dabei sein, aber unsere Wahrnehmung bleibt schlichtweg eingeschränkt.
Nach Jahren und Jahrzehnten in einer solchen Schutzaus-Rüstung fühlt sich das Leben vielleicht schwer an –
aber auch absolut normal.
Es ist normal für uns, in ständiger Kampfbereitschaft, in einem Daueralarmzustand zu sein. Wir halten das für „Frieden“ oder so was Ähnliches.
Wie kommen wir wieder zueinander?
Ich habe hier mal einige Werkzeuge zusammengetragen.
Ich merke beim Schreiben, dass jeder Punkt sowas wie eine eigene Welt eröffnet. Es ist ein Werkzeugkasten, mit jedem einzelnen Tool lässt sich erstaunliches anstellen. Macht was draus!
- Den Kontakt zu uns selbst vertiefen: Zum Beispiel ganz simpel durch tägliches kurzes In-sich-hinein-Spüren über die EM-Fragen: Was spüre ich in meinem Körper, welches Gefühl ist aktuell da?
- Akzeptieren, dass Ehrlichkeit nur in dem Maße möglich ist, wie wir Kontakt zu uns selbst haben.
- Die Verbindung zur anderen Generation nicht abbrechen lassen oder immer wieder aufnehmen. Dabei stets so authentisch wie gerade möglich bleiben.
- Akzeptieren, dass niemand unverletzt durch die Kindheit kommen kann. Wir können uns lediglich bemühen, die Kollateralschäden unserer Elternschaft so gering wie möglich zu halten.
- Die Verantwortung für das eigene (Er-)Leben Schritt für Schritt zu uns zurückholen. Egal in welchem Alter.
- Die eigene Wahrnehmung und die eigene Aktion bewusst entkoppeln. Wir müssen nicht reagieren, wir können wahrnehmen und aus einer bewussten Pause heraus entscheiden und agieren.
Mehr fühlen, weniger reden und weniger tun. - Wenn unsere Arbeit mit den eigenen Eltern/Kindern/Geschwistern stockt, stellt uns das Leben zum Glück ausreichend Stellvertreter zur Verfügung. Such dir bewusst Stellvertreter. Du kannst mit anderer Leute Eltern/Kinder/Geschwister arbeiten und das wird Auswirkungen haben in deiner Welt.
- Akzeptieren, dass Verletzen und Verletzt-werden zum Spiel dazu gehört. Immer wieder Räume für Heilung schaffen/anbieten. Zuhören, ohne reparieren zu wollen.
- Präsent sein im Kontakt.
Ruhe reinbringen.
Mehr fühlen, weniger reden.
Echter Kontakt ist DIE menschliche Superkraft. Wenn wir uns diese Fähigkeit zurückholen, werden wir einen Quantensprung erleben,
der sich gewaschen hat. 😊
Wenn es uns gelingt, diese Kontaktfähigkeit in unsere Familien zu reintegrieren, dann kann es gut sein, dass wir unsere Welt aus ihren Angeln heben und auf ein völlig neues Level wuppen.
Trotz oder gerade wegen aller
naturgemäßen Verletzungen.
Ich möchte euch zum Abschluss ein weiteres Zitat von
Bill Plotkin mit auf den Weg geben:
„Wenn Sie mutig in ihre Verletzungen eintauchen, dem Leiden geduldig erlauben, seine Aufgabe zu erfüllen….., erreichen Sie das Fundament ihrer Psyche. …. Aber vermeiden Sie es, zu früh einen Sinn in ihrem Leiden finden zu wollen, zu rasch Erleichterung suchen zu wollen, jemand anderem die Schuld zuzuschieben oder Rache üben zu wollen. … Lassen Sie zu, dass ihre Wunde ihre Arbeit an Ihnen tun kann.“
PS: Es gibt Familiensituationen, in denen bedeutet Frieden schlichtweg: Akzeptieren, Grenzen setzen und Abstand halten.
Das ist dann Waffenstillstand.
Und das ist okay so.
Gibt schließlich auch noch andere Generationen, die das klären können. Oder andere Ebenen.
In die Tiefe gehen beim
7. Magdeburger Friedensfestival
Von der Theorie in die Praxis: Workshop auf dem 7. Magdeburger Friedensfestival Wir können viel über inneren Frieden und Generationenkonflikte lesen – aber wie heilen wir diese Wunden ganz praktisch? Wie wandeln wir familiäre Ohnmacht in echte Stärke um?
Genau zu diesem Thema veranstalten wir einen tiefgehenden Workshop auf dem 7. Magdeburger Friedensfestival.
Wann: Freitag, 4. September um 18:40 Uhr
Wo: 7. Magdeburger Friedensfestival
Lasst uns gemeinsam aus alten Mustern ausbrechen und echte Lösungsansätze für uns und unsere Kinder finden. Wir sehen uns dort!